Der Elefant im Raum

Seit einer Weile habe ich für “Offene-Grenzen.net” wöchentlich unter der Überschrift „Verweise ohne Grenzen“ eine Sammlung von Links zusammengestellt zu deutschsprachigen Artikeln, die mit dem Thema „Offene Grenzen“ zusammenhängen. Mein Betriebsgeheimnis, wie ich dabei vorgehe, ist leicht verraten: Ich google die Ergebnisse für die letzte Woche zum kombinierten Stichwort „offene Grenzen“, was normalerweise nur wenige Verweise einbringt. Dann gehe ich die Nachrichten in den Kategorien durch, die ich mir auf Google News eingestellt habe mit den Stichworten „Migration“ und „Freizügigkeit“. Bei beiden gibt es dabei lustige Überlappungen, etwa mit Nachrichten zur Migration von Software oder zu Nacktbadern. Außerdem sammle ich noch Artikel ein, die mir in meinen diversen Feeds in Feedly über den Weg laufen. Ich glaube nicht, daß ich alles abdecke, was im Internet zum Thema über die Woche dazukommt, aber doch eine große Stichprobe sammle.

Es ergeben sich einige interessante Beobachtungen. Die erste wäre, wie wenig der Themenbereich eigentlich in den Medien präsent ist. Einen kleineren Anteil haben dabei originale Artikel von ein paar wenigen Journalisten, die sich intensiv mit einschlägigen Fragen befassen. Pro größerem Medium scheint mir das eher eine Handvoll, meist sogar nur ein einzelner zu sein. Den überwiegenden Anteil machen Wellen der Aufmerksamkeit aus. Meist steht am Anfang die Aussage eines Politikers oder eine aktuelle Studie. Diese werden dann mit unterschiedlichen Gewichtungen und Wertungen quer durch die Medien aufgenommen. Das meiste ist eine Paraphrase des ursprünglichen Materials. Eine Diskussion oder gar Analyse mit eigenständigen Recherchen ist eher die Ausnahme. Die Halbwertszeit einer solchen Welle liegt dabei maximal bei ein paar Wochen, eher kürzer. Bald klingt das Interesse wieder vollkommen ab.

Die andere Beobachtung ist vielleicht noch interessanter, sie ist nämlich eher eine Beobachtung über das, was nicht auftaucht. Um welche Gruppen von Menschen könnte es bei der Fragestellung denn gehen? Mir fallen dabei sechs ein:

  1. Menschen, die schon lange eingewandert sind, und deren Nachkommen
  2. Menschen, die erst kürzlich legal eingewandert sind oder dabei sind einzuwandern (z. B. die Diskussion über Rumänen und Bulgaren besonders in diesem Jahr)
  3. Menschen, die illegal eingewandert sind oder einen ungeklärten Status haben wie Asylbewerber
  4. Menschen, die es erst noch versuchen, hierhin zu kommen
  5. Menschen, von denen man gerne hätte, daß sie einwandern („Hochqualifizierte“)
  6. Menschen, die es nicht einmal versuchen, weil sie, wie gewollt, vom Bollwerk an den europäischen Grenzen abgeschreckt werden.

Meine ganz subjektive Einschätzung wäre, daß sich das Interesse für die entsprechenden Themen etwa wie folgt aufteilt: 50%, 20%, 15%, 10%, 5% und praktisch 0%. Die Gewichtungen verschieben sich dabei laufend, die Reihenfolge scheint mir aber recht stabil zu sein. Und daß man sich für die letzte Gruppe fast gar nicht interessiert, bleibt sich ziemlich gleich.

Für die erste Gruppe derer, die schon lange eingewandert sind, und deren Nachkommen (nach meinem Verständnis längst Teil der hiesigen Gesellschaft und gar kein Thema für Einwanderung im engen Sinne) drehen sich die Artikel eher seltener um eine Außensicht der Mehrheitsgesellschaft, sondern meist um spezifische Fragen, die diese Gruppe aus der Innensicht interessieren. Nicht verwunderlich aufgrund der Zahlen dominieren hier Themen, die für Einwanderer aus der Türkei von Interesse sind. Typische Themen wären die doppelte Staatsbürgerschaft, Vermutungen, daß man aufgrund seiner Herkunft zurückgesetzt wird, Vorurteile der Mehrheitsbevölkerung, aber auch die Bedrohung durch Gruppen wie die NSU. Die eigentlich größere Gruppe der Spätaussiedler findet medial fast gar nicht statt. Auch Einwanderergruppen aus anderen Ländern sind eher selten vertreten, und dann wohl mehr unter dem Gesichtspunkt einer gewissen Exotik, z. B. Erfahrungen von Schwarzen in Deutschland oder „ ungewöhnliche“ Einwanderer aus anderen reichen Ländern. Soweit sich das alles zusammenfassen läßt, würde ich die diversen Themen unter die Rubrik „Respekt“ bringen. Es wird ein Mangel daran kritisiert oder für mehr geworben. In einem geringeren Ausmaß geht es auch um handfeste Anfeindungen und Bedrohungen.

Bei den anderen Gruppen überwiegt die Außenperspektive, auch wenn es gelegentlich Berichte aus Sicht der betreffenden Menschen gibt, etwa über die elende Situation von Roma in verschiedenen Herkunftsländern. In der dritten Gruppe kommen Asylbewerber je nachdem, auch wenn ihre Anzahl ja eher geringer ist, häufiger in den Fokus als etwa Menschen, die sich illegal in Deutschland durchschlagen. Bei letzteren scheinen sich Themen mit einem gewissen Kitzel anzubieten, wie etwa in Reportagen aus dem Rotlichtmilieu. Mehr technokratisch orientiert ist hingegen die Berichterstattung über die fünfte Gruppe der „Übermenschen“, die man nach Deutschland locken will („wir sollten ein Punktesystem wie in Kanada einführen“ oder „wie retten wir das Rentensystem“).

Bei der vierten Gruppe derer, die noch versuchen hineinzukommen, scheinen nachrichtenwürdige Ereignisse im Vordergrund zu stehen. Eine Welle des Interesses setzt nach einem Bootsunglück im Mittelmeer ein und ebbt dann wieder ab. Verkünden die europäischen Grenzschützer, daß man ab nun die Menschen “rettet”, läßt das Interesse wieder nach. Dabei ist das ja nur eine andere Bezeichnung dafür, daß man die Einwanderer festsetzt und letztlich zurückweist. Auch wenn es so erscheint, als sei eine Überfahrt über das Mittelmeer praktisch in jedem Fall ein sicheres Desaster, kommen die Boote zumeist ohne weiteres durch. Tote gibt es bei einem eher kleinen Prozentsatz (nach gewissen Schätzungen etwa  1%), was die Tragödien nicht besser macht, aber vielleicht erklärt, warum Menschen sich davon nicht abschrecken lassen.

Wie schon gesagt, ist der Elefant im Raum aber die letzte Gruppe von Menschen, die gar nicht erst in die Nähe einer Einwanderung kommen, auch wenn sie daran vielleicht ein großes Interesse hätten. Dies ist wohl die mit Abstand größte Gruppe von Menschen, die vom gegenwärtigen Grenzregime betroffen ist. Da sie aber nur in einem negativen Sinne als Nicht-Einwanderer vorhanden sind, scheint sich niemand für sie zu interessieren.

Und auch in anderen Hinsichten ist die Verteilung der Aufmerksamkeit bemerkenswert. Ohne die Probleme der ersten Gruppe geringzuschätzen, bewegen diese sich doch auf einem relativen Luxusniveau (außer bei Bedrohungen und Anfeindungen). Wer bereits eingewandert ist und einen gesicherten Status hat, der hat es im Wesentlichen geschafft. Daß einiges im Argen liegt, muß man nicht bestreiten. Aber vergleicht man die Probleme mit denen der anderen Gruppen, so drehen diese sich eher um einen schon angesprochenen Mangel an Respekt und die daraus resultierende Kränkung. Bei der zweiten Gruppe der kürzlich legal Eingewanderten kommen hier noch akute Probleme hinzu. Überdies ist die politische Diskussion für letztere noch im Fluß, sodaß man nicht sicher sein kann, ob der legale Status auch wieder entzogen werden könnte.

Im Vergleich mit diesen beiden Gruppen geht es den folgenden auf der Liste (außer den „Hochqualifizierten“) wesentlich schlechter. Asylbewerber sehen sich stärkeren Anfeindungen gegenüber. Ihnen droht je nachdem eine Abschiebung in eine gefährliche Lage. Menschen, die die Grenzen überwinden wollen, sehen sich massivem Zwang gegenüber und müssen sich in Gefahr bringen. Und Menschen, die es nicht einmal mehr versuchen, dürfen jegliche Chancen durch Wanderung von vornherein abschreiben.

Was ergibt sich daraus aus einer Perspektive für offene Grenzen?

Das Thema Einwanderung in seinen Facetten sollte natürlich allgemein viel mehr im Mittelpunkt stehen. Die Gewichtungen, wie die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Gruppen verteilt wird, sind zudem extrem verzerrt und sollten zurechtgerückt werden. Nach meinem Dafürhalten müßten eigentlich die Menschen die größte Aufmerksamkeit bekommen, die heute nicht einmal bis zu einem Versuch einer Einwanderung kommen können, dicht gefolgt von denen, die es immerhin versuchen, und denen, die es illegalerweise schaffen, sowie Menschen, die über gewisse enge Pfade wie das Asylrecht hineinzukommen versuchen. Anfeindungen und Bedrohungen von Einwanderern verdienen für alle Gruppen Aufmerksamkeit, wobei nicht nur solche aus der Gesellschaft, sondern auch die von Seiten der Staaten beachtet werden sollten. Und es wäre wünschenswert, daß nicht nur die oft technokratische Außenperspektive, sondern auch die Innenperspektive der betreffenden Menschen zur Geltung kommt.

Ja, und es sollte eben endlich der Elefant im Raum wahrgenommen werden, daß geschlossene Grenzen sehr vielen Menschen in der Welt die Möglichkeiten beschneiden, ihr Leben zu verbessern.

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